Müssen wir nur einfach mutiger werden?

Müssen wir nur einfach mutiger werden

Neulich hatte ich einen Austausch über die Gründungsschwäche in der Lausitz. Wenig Startups, wenig Neugründungen, wenig Dynamik im Vergleich zu Dresden, Leipzig oder Potsdam. Das sind die Fakten. Uneinig war man sich bei der Frage, woran das eigentlich liegt. Ein Satz blieb hängen: „Die Menschen müssen ihr Mindset ändern.“

Das klingt griffig. Aber stimmt es auch? Ich habe mir die Zahlen und Veröffentlichungen dazu angeschaut. Das Bild, das sich ergibt, ist ein anderes.

Was tatsächlich fehlt: Kapital, nicht Mut

Der mit Abstand am besten belegte Unterschied zwischen Ost und West ist nicht die Risikobereitschaft, sondern das Vermögen. Ostdeutsche Haushalte verfügten 2023 im Median über ein Nettovermögen von rund 35.900 Euro, Westdeutschland über 143.200 Euro. Das ist das Vierfache. Wer gründen will, braucht aber genau das: Eigenkapital. Als Sicherheit, als Rücklage, zur Anschubfinanzierung und so weiter. Diese Vermögenslücke ist historisch gewachsen. Niedrigere Löhne, weniger Erbschaften, geringere Immobilienwerte zementieren diese. Mit der Einstellung Einzelner hat dies nichts zu tun.

Hinzu kommt: In der Lausitz gibt es kaum Konzernzentralen, kaum ansässiges Wagniskapital, kaum Business Angels aus der eigenen Industrie. Wer hier ein Unternehmen gründet, findet vor Ort selten die Investorinnen, Kunden oder Mentorinnen, die anderswo selbstverständlich sind. Im Vergleich zu den USA trifft dies auch auf Deutschland im Allgemeinen zu, für unsere Region aber im Besonderen. Auch die Forschungs- und Entwicklungsdichte in ostdeutschen Unternehmen ist im Schnitt niedriger als im Westen. Ursache sind nicht die fehlenden Ideen, sondern die historisch gewachsenen Strukturen.

Der Mythos vom mutlosen Osten

Interessant ist ein Blick zurück: In den 1990er-Jahren wurde in Ostdeutschland pro Kopf deutlich mehr gegründet als im Westen: fast 8 Gründungen je 1.000 Personen gegenüber 2,5 im Westen. Die Menschen waren also keineswegs zurückhaltender. Das „Mindset“-Argument hält der genaueren Prüfung also nicht stand. Gründungen sind aber meist keine Startups.

Was die „Mindset“-Erzählung so hartnäckig macht: Sie ist bequem. Sie kostet nichts, erfordert keine Investition und verlagert die Verantwortung auf die Menschen vor Ort statt auf fehlende Infrastruktur. Das Problem dabei: Wer die Ursache falsch benennt, löst sie auch nicht.

Was tatsächlich helfen würde

Aus der Forschung zum Strukturwandel in der Lausitz lässt sich ableiten, was wirklich fehlt: nicht mehr Zuspruch, sondern

  • mehr industrienahe Projektentwicklung,
  • mehr Zugang zu Wagniskapital,
  • mehr Verbindungen zwischen Hochschule, Wirtschaft und jungen Gründerinnen.

Und wir brauchen Zeit und Ausdauer. Die Lausitz befindet sich erst am Anfang eines Strukturwandels, der anderswo Jahrzehnte gedauert hat.

Für uns als Lausitz Frauen heißt das: Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass Frauen hier tatsächlichen Zugang zu Kapital, Netzwerken und Vorbildern bekommen. Denn hier liegt für uns der Hebel, nicht in der Einstellung.

Mut ist da. Was fehlt, sind die Bedingungen, unter denen er sich auszahlt.

Genau darüber möchten wir auch bei den Lausitz Frauen sprechen. Mit Fakten statt mit Mythen.

Auf einen Kaffee mit Marion Richter

Wir sprechen über den Arbeitsmarkt in der Lausitz, aktuelle Entwicklungen und darüber, was die Zahlen tatsächlich erzählen.

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